Impressum

DER HAIN erscheint vierteljährlich zu den Sonnenwenden bzw, Tagund- nachtgleichen (März, Juni, September, Dezember). Er erscheint in verschiedenen Buchläden oder wird direkt versandt. Der Umfang einer Ausgabe beträgt mindestens 50 Seiten. Eine Ausgabe kostet 3,50 DM, ein Jahresabonnement (= 4 Ausgaben + Versandkosten) 19,- DM. Abon- niert wird durch Überweisung von 19,- DM auf das Konto und gleichzei- tige Benachrichtigung.

Private Kontaktanzeigen (auch für Gruppen und nichtkommerzielle Veranstaltungen) werden umsonst abgedruckt. Gewerbliche Anzeigen kosten 5,- DM pro Seitenachtel,

Die Redaktion:

Verantwortlicher im Sinne des

Presserechts (V.i1.5.d.P.):

Matthias Wenger Michael Frantz Lüneburger Str.7 Schubartstr,6 D-1000 Berlin 21 D-1000 Berlin 27 Tel.: 030/391 95 12 Tel.: 030/432 94 48 Konto:

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Die Redaktion dankt Henri Schladitz (für Computer und Beratung), Martin Coleman (für die Story und die Spende für den Verkaufsstand bei "Bewusst Sein 88"), Rudi Goldmann und Mina (für die Gedichte), Managarm (für das Titelbild), Ian vom Hecksenkreis Yggdrasil (für das Illu im Artikel "Angst vor Mystik?"), Harald Slibar (für die Spende - Drive on, Harri!), Lars "The Hammer" (für den moralischen Beistand während zweier absolut ätzender Messetage), Bernhard, Conni und Une (Zen in der Kunst, Seiten zu sortieren!) und allen Lesern, die durch ihr Abonnement, Mundpropaganda, eingeschickte Arbeiten, freundliche wie kritische Briefe und ihre Sympathie die Zeitschrift "DER HAIN" möglich machen.

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zeitschrift für heidentum und naturreligion

nr.3

Kontakte Ir“ Gedichte, Angst vor Mystik? Natur und Meditation BEHUSST SEIN 88, die New-Age-Tagung in Berlin Malta - Steinzeitliche Tempel Thelema

INHALT

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Meditation: Angst vor Mystik an san et Natur und Meditation ...... sms

Gruppen/Aktuelles: Thelema, Geschichte eines Ordens, Teil 2 uucccuaaeneaeeeueen BEWUSST SEIN 88, die New-Age-Tagung in Berlin eeeeee

Story:

Wanderung ...... ee Hg PER. Kultstätten:

Malta - Steinzeitliche Tempel der Großen Göttin .cccccccc.

Gedichte:

Gebet an Diana ....unuv an mens elek; Der Missionartin..... Serecı DIE:SONNE, 0er era ee es ET a a EEE

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Liebe Leserin! Lieber Leser!

Meditation, das Training der Kontaktaufnahme mit den Kräften der Natur um uns und den Kurzeln in uns, ist das Schwerpunktthema dieser Ausgabe. Neben einen Ar- tikel über diese mystische Ver- bindung in den Religionen unse- rer Vorfahren und dem weitver- breiteten Zurückschrecken des rationalen Zivilisationsmenschen davor beginnen wir mit dieser Ausgabe mit der versprochenen Serie über Meditationsübungen.

Leider mußten deswegen aus Raum-, aber vor allen aus Zeit- gründen die Fortsetzungen des "Berserkers" und des Artikels über den Gehörnten Gott weichen, Es tat uns selber weh, aber es ging nicht anders: Da wir viele Artikel selber schreiben, dane- ben Fertigstellung bzw. Vertrieb des HAINs und die Korrespondenz machen, brauchen wir noch drin- gendst ein oder zwei Mitarbeiter in Berlin!

Nach wie vor freuen wir uns über eingesandte Artikel und lyrische Arbeiten, insbesondere über Artikel zu Kultstätten in der Umgebung. Wenn Ihr einige Zeilen über einen Kultort in Eurer Nähe, vielleicht auch des- sen Geschichte und die Rituale, die man dort machen kann, ver- faßt, werden Euch möglicherweise einmal andere HAIN-Leser dankbar

sein (Ihr müßt dazu nicht unbe- dingt so Weit reisen wie Mat- thias mit seinem Malta-Artikel!)

Neben unserem Bemühen, durch die Veröffentlichung von Kontaktadressen und Artikeln den heidnischen Gedankenaustausch zu fördern, gibt es inzwischen er- freulicherweise zwei lInitiati- ven, ein Netzwerk im deutsch- sprachigen Raum aufzubauen. Die eine geht vom Waxing Oak Coven in Frankfurt aus: das "Waxing Oak Network" ist eine Verbindung von derzeit drei Hexen-Coven, die aber hoffentlich noch waxen/wachsen wird. Es wird auch eine Zeitschrift herausgegeben, sorie die Verbindung zu US- amerikanischen Netzwerken herge- stellt, Das Network versuchte, in diesem Sommer das "Erste heidnische Festival" auf die Beine zu stellen, Kurz bevor wir in HAIN 2 die entsprechende Anzeige veröffentlichen wollten, hörten wir aber, daß die Aktion abgesagt wurde,

Etwas mehr Glück scheint die andere Initiative zu besit- zen: der Zaunreiter-Verlag in Höxter (Niedersachsen) veran- staltet derzeit das - meines Wissens - erste allgemeine He- xen-Treffen der Bundesrepublik. Anlaß gab die Beerdigungsfeier des bekannten englischen Wicca- Hexers Alex Sanders zu Beltane dieses Jahres, Deutsche Teilneh- mer kamen dabei auf die Idee,

auch einmal bei uns ein Zusan- mentreffen vieler Coven zu ver- suchen. Viel Glück wünschen wir dazu, der HAIN wird wahrschein- lich dabeisein (die Adressen der beiden Gruppen stehen unter der Rubrik "Kontakte") !

Nun sind zwar alle Hicca- Hexen Heiden aber lange nicht alle Heiden Hiccas. Wie steht es um Netzwerke anderer Traditio- nen? Die Frage ist schnell be- antnortet: Es gibt sie nicht, Natürlich gibt es vereinzelte Kontakte, zum Teil sogar starke Verbindungen, wie z.B. zwischen dem Armanen-Orden und der Heid- nischen Gemeinschaft oder den indianischen, sonstwie schama-

nistischen und magischen Gruppen, die in der Zeitschrift "Mescalito" veröffentlichen,

Aber reguläre Treffen, auf denen Erfahrungen ausgetauscht, gesam- melt, relativiert, überarbeitet werden, auf denen neben dem Theoretisch-Weltanschaulichen

einmal über das ganz Pragma- tisch-Tätige gesprochen nird, was unerläßlich ist, wenn wir irgendwann den Hissensschatz unserer Vorfahren wiedererlangen oder sogar weiterentwickeln wol- len - das alles ist bislang ein Traun. Doch mit den Träumen beginnt die neue Hirklichkeit...

Ein böses Erwachen gab es allerdins für die Phönix- Buchhandlung in Essen, Das Ge- schäft, das gleichermaßen biolo- gisch angebaute Lebensmittel und esoterische Literatur (u.a. den HAIN) verkaufte, bekam nun von der Vermieterin die Kündigung, sofern es nicht ab sofort den Verkauf von Büchern, Pendeln, Tarot-Decks, Kassetten etc. und "jede Werbung für die New Age- Bewegung" unterließe. Der Laden steht vor der Auflösung, da auch noch gegen ihn geklagt wird. Nas die Phönix-Buchhandlung nämlich fatalerweise ignoriert hat, ist, daß es sich bei ihrer Vermiete- rin um die Alt-Katholische Ge- meinde handelt, So gilt noch inner der alte Satz: "Wem das Land, dessen der Glaube." Jaroll!

Bevor ich mit dieser "fro- hen Botschaft" schließe, müssen noch zwei Dinge erwähnt werden. Zum einen: Wir haben die Preise erhöht. Als wir HAIN 1 heraus- brachten, hatten wir uns nämlich somohl in den Druck-, yie auch in den Versandkosten verkalku-

liert. Um nicht ständig mit Verlust zu arbeiten, haben wir jetzt den Preis pro Ausgabe auf 3,50 DM, den Versand auf 5,- DM angehoben (ein Abo kostet nun also 19,- DM, statt wie bisher 13,50 DM), Bereits laufende Abos und Abonnierungen vor dieser Ausgabe sind natürlich nicht davon betroffen.

Das andere betrifft den Artikel "Der Gehörnte Gott" aus der letzten Nummer: Ich erhähn- te, daß das einzige, was eine Göttin der Hexen eventuell his- torisch belegt, die "Königin des Hexensabbats" neben dem Teufel ist, bzw. $ 30 der Synode von Liftinae (743 u.2.), in dem es heißt, Frauen würden den Mond beschwören. Inzwischen erfuhr ich von dem frühchristlichen "Canon Episcopi" (im 12. Jh. Teil des offiziellen Gesetzes, später vom "Hexenhammer" gele- gentlich zitiert), der davon berichtet, daß "bestimmte abar- tige Heiber... Diana als ihrer Herrin gehorchen und sich zu ihrem Dienst versammeln." Außer- dem erwähnt John von Salisbury in seiner Schrift "Policraticus" (12. Jh.) die Göttin Herodia, die nachts die Zauberer versann- le und mit ihnen gewiße Riten und Orgien abhalte. Das würde zu der Sammlung toskanischer Hexen- Mythen passen, die Charles G. Leland im 19, Jh. veröffentlich- te und in denen Diana und Hero-

dias (Aradia) die Hauptrollen spielen. Dort heißt es auch; "Und alle sollt ihr von der Sklaverei befreit werden, und frei sein sollt ihr in allen Dingen,"

In diesem Sinne wünscht Euch noch einen guten Sommer und ein frohes Leinernte/Lugnasad- Fest

Euer Michael

Die Säule von Pfalzfeld - eine keltische Kultpyramide

Angst vor Mystik ?

- Kern des Heidentums oder gefährlicher Ballast?

Seit Dr. Mathilde Luden- dorff in den Dreißiger Jahren ihr Buch "Induziertes Irresein durch Occultlehren" herausgab und sich die Nazis viel Mühe machten, dem Volk einzupauken, jede tiefere Mystik widerspräche der klaren, germanischen "Licht- religion", scheinen einige deut- sche Heiden bzw, An- hänger der Alten Reli- gion Schwierigkeiten nit Begriffen nie My- f stik, Meditation, Übersinnlichen, Okkul- tem, Magie, Kult zu haben, Zumindest trifft man immer wie- | der auf - zumeist be- tagtere - Heiden, die eine leidenschaftliche Verehrung den Göttern ® und Naturkräften ge- genüber zeigen, sofort P aber erschreckten Ab- stand nehmen, sobald der Verehrung Versen- kung, der Ehrfurcht Ö Ekstase folgen soll, e Andererseits findet man allerorten vorkie- gend (aber keinesfalls ausschließlich!) jün- gere Heiden, für die (4 es eine Selbstver-

ständlichkeit ist, im Wald Runen zu raunen, schamanenhafte, wilde Tänze aufzuführen oder sich be- wußt "Hexen" zu nennen. Hie ist dieser Widerspruch möglich? Vielleicht kommen wir ihm am besten auf die Spur, wenn wir ein wenig in die Geschichte der Religionen eintauchen, genauer gesagt in die Ge- * schichte jener außer- gewöhnlichen Formen der Religion wie Medi- tation, Mystik und Ekstase, Bereits in der

Ö religion, welche die älteste Religionsform “ist, die der Mensch ; überhaupt kennt, ge- hören diese Dinge ganz selbstverständlich

dazu. Der Schamane bzw, Medizinmann, jene Gestalt, die in den u Naturgelägtonen Mfri-

Pr. kas die Funktionen S || eines Priesters, Se- hers, Arztes und Zau- berers in sich verei- nigt, wird in die Ce- heimnisse seiner Zunft AR; durch einen esote-

rischen Unterricht eingeweiht, der ihm teilweise von einem spirituellen Lehrer, teilweise von den Geistern selbst erteilt wird. Meditative Übungen und Trancereisen sind Bestandteile dieser Lehre wie auch seiner späteren Tätigkeit als Kontakt- person zu den übernatürlichen Mächten.

Aber derartige Erlebnisse sind keinesfalls dem Medizinmann allein vorbehalten. Auf Festen fallen große Teile des ganzen Stammes in Trance, erleben Be- sessenheit durch einen Geist bzw. Gott und Ekstasen. Bei nordamerikanischen Indianern gehört eine mehrtägige Visions- suche zum Heranreifen jedes Jugendlichen ebenso selbstver- ständlich dazu wie stunden- lange, meditative Gesänge zu jeder Zeremonie. Den Geistern bzw. Göttern fühlt man sich so nahe, daß man einen Priester nur zu bestimmten Zeremonien braucht, und ähnlich verhält es sich mit den au- stralischen Ureinnoh- nern oder den Benoh- nern der pazifischen Inseln, no prinzi- piell jeder Eingebo- rene in der Lage sein soll, mit den Gei- stern und den Ahnen zu sprechen und Magie

auszuüben. Die Liste ließe sich beliebig lang weiterführen, ich will zum Abschluß nur noch die indische Götterreligion erkäh- nen, xo sich aus kultischen Reinigungsübungen ein gewaltiges System der Meditation entwickelt hat - das Yoga.

Kommen wir aber nun zu unseren eigenen, europäischen Vorfahren.

Bei den Kelten fallen uns zuallererst die ineinander ver- schlungenen $Spiral- und Knoten- muster auf, welche Schmuck, Hausfassaden, Bücher und Ge- brauchsgegenstände verzieren, Parallelen zu asiatischen Kosmos-Symbolen bzw. Medita- tionshilfen (Mandalas, Yantras, Yin/Yang-Symbol, Hakenkreuze, Triskelen) springen geradezu ins Auge. Ob derartige Figuren für die Kelten reiner Schmuck waren

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Indianisches Sandbild (Wassertiere)

oder nicht, können wir zwar weder beweisen noch widerlegen, wissen tun wir aber, daß Spira- len und mandala-artige, kreis- förmige Zeichen in Kulturen rund um den Globus gefunden werden können. Und daß sie bei heute noch lebenden Völkern (z.B. in Tibet, Indien, in ganz Ostasien, bei den Navahos und anderen Indianern) immer im Zusammenhang mit Versenkung und/oder rituel- ler Kontaktaufnahme mit unsicht- baren Mächten stehen,

Ferner fällt auf, daß die Kelten ihre Götter gelegentlich mit untergeschlagenen Beinen sitzend darstellten - eine Haltung, die uns schon aus der indischen Götterwelt nicht ganz unbekannt ist und von Forschern bereits spontan als "Buddha- Haltung" bezeichnet wurde, Viel

können wir über die Religion der Kelten nicht sagen, da ihre Priester, die Druiden, absicht- lich nichts niederschrieben, Dank römischer Berichte aber wissen wir, daß die Kelten zien- lich genaue und detaillierte Vorstellungen über Jenseits und Wiedergeburt hatten, was ohne Visionen und Trancereisen kaum wahrscheinlich ist. Noch un- glaubhafter ist die Annahme, angehende Druiden hätten in ih- rer langen, geheimen Ausbildung (sie konnte bis zu zwanzig Jahre umfassen!) lediglich Gesetze und Mythen auswendig gelernt, etwa dem heutigen Theologie-Studium vergleichbar.

Aber betreten wir nun das Gebiet der Germanen. Auch hier begrüßen uns zuallererst Sonnen- spiralen, Wendespiralen, Spiral-

muster, Hakenkreuze und andere Symbole des ewigen Handels der Dinge, des großen kosmischen Reigen. Daneben erwarten uns andere Zeichen, welche die Kel- ten nicht kannten: die Runen, Sie bestehen samt und sonders aus wenigen Strichen, die ein sehr einfaches, aber umso ein- prägsameres Symbol bilden. Lädt dieses an sich schon zur Ver- senkung ein, so macht die Bedeu- tung der Rune das noch mehr, handelt es sich doch bei ihr meistens um ein sehr konkretes Bild, welches in Verallgemeine- rung und Abstraktion einen hwah- ren Komplex an Bedeutungen er- langt (z.B. stellt die Reidh- Rune < R » ursprünglich nur zwei parallele Wegbegrenzungen dar <%% >, aus denen ein ganzer Begriffs-Komplex um Dinge nie "reiten", "Weg", "Reise", "Be- wegung" erwuchs). Noch klarer wird uns der spirituelle Wert der Runen, kenn wir uns ihre Namen ansehen: Fe, Ur, Thurs, As, Reidh, Kaun us#, Die Ähn- lichkeit zu indischen Mantras (heilige Laute, in Meditation und Ritual verwendet) und ande- ren Beschnwörungsgesängen ist auffallend, zumal es in der Edda (und nicht nur dort) ein eigenes Runenlied gibt und einige Runen (z.B. "Ing") Götternamen sind. Mögen die "Runenübungen" selbst ein Produkt dieses Jahrhunderts sein, eine gleiche Verwendung in

älteren Zeiten schließt das nicht aus,

Bleiben rir doch gleich bei der Edda, in der die Runen ein- deutig mit magischen und rituel- len Funktionen belegt nerden, Welche Rolle dort "Odin als Schamane", Zauberer und Einge- weihter spielt, sahen wir be- reits in der letzten Ausgabe des HAINs (*1). Doch diese mysti- schen Erlebnisse und Kräfte sind keineswegs den Göttern vorbehal- ten: die Seherinnen Völva und Wala, sowie die Erweckung der Geister der Ahnen im Groas-Lied mögen als nur drei Beispiele für zauberische Tätigkeiten in der Edda stehen,

Bronzeminiatur aus Rallinge, Södermanland (Schweden)

Könnte man diese Stellen in der Edda noch als rein symbo- lisch verstehen (wobei sich die Frage stellt, ob sie nicht sym- bolisch für andere mystische, konkret schwer oder nur ver- schlüsselt beschreibbare Aktivi-

täten stehen,..), so entfällt dieser Einwand, wenn wir die Sagas betrachten, jene mittelal- terlich-nordischen Heldenge- schichten, in denen sich Ge- staltwandler, Zauberinnen und Runenmagier nur so tummeln, Als Beispiele will ich nur die Gisli-Saga und die Geschichte von Erich dem Roten aufzählen, Da die Sagas große historische Genauigkeit besitzen, ist es nur zu wahrscheinlich, daß es zur Zeit ihrer Handlungen Menschen gab, die über jene Kräfte ver- fügten oder sich zumindest darum bemühten, sie zu erlangen.

In Sagas und Überlieferung wird auch das Phänomen der Ber- serker beschrieben, jener Krie- ger, die im Kampf in Ekstase fielen, sich in Bären zu verwan- deln glaubten und als unver- wundbar galten. Tierverwandlung (bzw. Identifikation mit einem Totentier) und Ekstase sind aber auch Kennzeichen des Schamanis- mus von Lappland bis Alaska.

Ein Einwand aber bleibt dem Zweifler noch: In den $agas wird als Priester einer Siedlungsge- meinschaft der Gode genannt, welcher nicht nur kultische, sondern ebenso richterliche Auf- gaben hat. Zauberer, Hexen und Seherinnen tauchen daneben, unabhängig auf, Außerdem wird nirgendno von einer Ausbildung gesprochen. Hexen und Berserker scheinen ihre Kräfte als Gaben

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von den Nornen in die Wiege gelegt bekommen zu haben. Älter als die Sagas jedoch ist der Bericht Julius Cäsars über die Germanen. Der schrieb mit Verrunderung nieder, daß die Germanen - im Gegensatz zu den Kelten - keine herrschende Prie- sterkaste besäßen, sondern daß der Kult grundsätzlich von jedem Germanen durchgeführt werden könne. Wir können uns das System also so ähnlich vorstellen, wie es noch heute bei Mongolen oder Indianern beschaffen ist: Ein- jeder kann die Riten vornehmen, in besonderen Fällen wird aber ein Experte (Schamane/Schamanin bzw. Thul/Völva) bemüht. Die frühmittelalterliche Einrichtung des - übrigens nicht organi- sierten! - Godentums erscheint dagegen als späteres, hohl spe- ziell skandinavisches Phänomen, Nun aber zum zweiten Ein- wand: Daß es nur auf die "Gabe" allein ankommt, wird dadurch widerlegt, daß sonohl im außer- europäischen Schamanismus wie auch in der Tradition heimischer Hexenfamilien Menschen, die die "Gabe" besitzen, zusätzlich in ihrer Anwendung unterkiesen wer- den. (In der Tat läßt sich die Auffassung, grundsätzlich jeder könne außernormale Fähigkeiten erlangen, historisch erst nit den griechischen Mysterien <5,Jh.v.u.2.> und dem indischen Yoga <Upanishaden, Tantras: ca.

8.Jh.v.u.2.) belegen - was nicht heißen mag, daß sie vorher nicht existierte.)

. Zu guter letzt möchte ich noch anführen, daß in Mecklen- burg, Berlin, Bedburg und Groß- britannien Hirschnasken stein- zeitlicher Schamanen gefunden wurden (datiert ca. 8000 v.u.2.). Mögen die Germanen aus dem Osten eingewandert oder Nachkommen zentraleuropäischer Steinzeit-Kulturen sein - daß die Art ihrer Religionsausübung schamanistisch geprägt war, dürfte damit wohl äußerst wahr- scheinlich geworden sein!

BEER ME, Wenn wir nun unsere Reise heiter ostwärts fort- setzen, kommen wir in das Ge- biet der Sla- wen, Über de- . ren Religion “ist aber lei-

* der (noch) zu

. wenig bekannt,

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hier fündig

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* ten.Religions- wissenschaft

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Bronzefigur aus dentum schei-

Grevens Vaeng, nen diesen Seeland (Späte Teil . Europas Bronzezeit) jenseits des

Bronzefigur aus Grevens Vaeng, Seeland (Späte Bronzezeit)

Bronzefigur aus Grevens Vaeng, Seeland (Späte Bronzezeit) Zeichnung des Entdeckers Brandt

Eisernen Vorhangs gelassen zu haben.

So lenken wir unsere Schritte südwärts, betreten den Raum der Griechischen Kultur und aller Kulturen, die sie beein- flußten oder von ihr beeinflußt wurden, Hier stoßen wir auf die Legende vom (Einweihungs-?) La- byrinth Kretas, begegnen wieder möglichen Meditationssymbolen, hören nieder von Zauberinnen (als berühmteste gilt wohl Circe), Seherinnen, Hernölfen und Auguren - und treffen auf

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organisierte Anhängerschaften von Göttern wie z.B. die Mänaden des Dionysos, die Korybanten der Gaia und einige andere, Obkohl manche (z.B. die Satyre der Großen Göttin) als mythologische Gestalten geschildert werden, besteht für die Hissenschaft kein Zweifel mehr, daß sich dahinter Kultgemeinschaften ein- zelner Götter verbergen, Es ist daher anzunehmen, daß die Myste- rienkulte, denen man allgemein eine orientalische Herkunft zuschreibt, bereits auf urgrie- chische Vorläufer stießen,

Ab dem 5.Jahrhundert v.u.2, tritt nun jene Vielzahl soge- nannter Mysterien-Kulte ins Licht der schriftlich erfaßten Geschichte: Mysterien von Eleu- sis, Dionysos-Mysterien, Orphi- sche Mysterien, Cybele-Myste- rien, Pythagoreer (nicht nur Mathematik beschäftigte den Pythagoras...) und andere. Sie alle gemeinsam besitzen den

. Glauben, daß jeder Mensch Weis- heit, Glückseligkeit und ein besseres Los im Hades bzw. in der nächsten Inkarnation erlan- gen kann, sofern er nur einge- weiht worden ist, Zu einigen Kulten gehören Ekstase und Rausch, zu anderen Enthaltsanm- keit, Askese und hohe sittliche Ideale, Meditation ist ein Bestandteil bei vielen, aber an wichtigsten ist die Einweihung, die dem Neuling eine Erkenntnis,

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ein Hissen, einen Bonußtsneins- zustand vermitteln soll, welcher mit einer Erleuchtung gleich- zusetzen ist. Oft ist die Ein- weihung aber nur nach einer längeren mystischen Schulung möglich.

An dieser Stelle möchte ich in aller kürze noch zwei hweitere Indizien für spirituelle Übungen in der Tradition unserer Vorfah- ren erwähnen: die Märchen und das Hexennesen des Mittelalters. Auch wenn man die im Märchen geschilderte Zauberei nicht wörtlich nehmen kann, ist es auffällig, wie viele Märchen um symbolträchtige Prüfungen und verschlüsselte Einweihungen (Sprung in den Brunnen/Abgrund, um die Andere Welt zu erreichen etc,) kreisen, So hat nach der Christianisierung das Märchen die unbenußte Erinnerung an Zei- ten bewahrt, in denen man noch ungestraft nach Erkenntnis und Macht forschen durfte,

Sehr benußt dagegen setzten die Hexen das verbotene Wissen fort. Sie kannten die Gehein- nisse der fremd gewordenen und dämonisierten Natur, betrieben Magie, bewahrten die verbotenen Bräuche der heidnischen Prie- sterschaften, trafen sich zu nächtlichen, geheimen Tänzen, bei denen sie Ekstasen und mystische Einsichten bekamen, benutzten Drogen. Auch wenn vieles, was schriftlich erst in

den Folterkammern der Pfaffen festgehalten wurde, der perver- sen Phantasie ihrer Peiniger entsprang, zeigen sich doch noch genügend Parallelen zu heidni- schen Bräuchen, um einen wahren Kern zu vermuten. Und der erste Wissenschaftler, der selbst von einer Hexe eingeweiht wurde (*2), bestätigte die heidnische Gesinnung des Hexenglaubens. Er berichtete von der "Alten Reli- gion" und der Göttin Diana, welche von den Hexen Italiens verehrt und angerufen wurde,

Meditierender phallischer Freyr

Nach dieser Rundreise durch das Heidentum unserer Ahnen und

das anderer Völker wollen wir uns in Bezug auf die großen fernöstlichen Religionen Bud- dhismus und Daoismus mit der Bemerkung begnügen, daß beide ohne Meditation und Drang nach mystischer Vereinigung mit dem All überhaupt nicht vorstellbar sind. In beiden Religionen ist Versenkung die Basis aller Hoff- nungen auf das Heil,

Etwas schwieriger wird die Angelegenheit, wenn wir einmal bei den monotheistischen Reli- gionen Judentum, Christentum und Islam vorbeischauen, Alle drei sind von der reinen Lehre her für die Mystik ungeeignet, denn sie sehen Mensch, Gott und Schöpfung als voneinander ge- trennte und fast vollkommen iso- lierte Bereiche an. Da die Hei- ligkeit Gottes darin besteht, möglichst weit außerhalb der fehlerhaften Schöpfung zu ste- hen, gilt der Versuch, mit Gott eins zu werden ("Unio Mystica") als schwierig, unmöglich, ja als frevelhaft und blasphemisch. Außerdem besteht zur spirituel- len Fortentwicklung ohnehin kein Anlaß, da der Mensch "Krone der Schöpfung" ist, die Grenzen, die Gott seinem Streben gesetzt hat, als unantastbar gelten (Turmbau zu Babel z.B.) und er das Heil ganz sicher im Jenseits erlangt, wenn er sich im Diesseits nach Talmud, Bibel oder Koran rich- tet,

Interessanterweise entstan- den aber in allen drei Religio- nen einige Jahrhunderte nach ihrer jeweiligen Gründung kom- plexe mystische Systeme, Das tägliche Leben orthodoxer Mönche wird seit jeher von Ikonen- Meditationen, mantra-ähnlichem Herzensgebet und Maria-Mystik ("Jesus im eigenen Geist gebä- ren, wie ihn Maria leiblich gebar") geprägt. Auch die katho- lischen Jesuiten kennen soge- nannte "Exercitien" ("Übungen") und einer der bedeutendsten katholischen Denker, Meister Eckehart, lehrte im Mittelalter eine geradezu pantheistische ("allgöttliche") Mystik - wofür er sich allerdings vor dem Ketzergericht verantworten mußte und möglicherkeise auch ermordet wurde,

Während die christliche Kirche ihr sündiges Schaf inzhi- schen wieder mit allem Pomp rehabilitiert hat, sehen es strenggläubige Juden selbst heutzutage noch ungern, Henn sich ihre Glaubensgenossen mit der jüdischen Mystik, der Kabba- lah, beschäftigen und versuchen, das Wesen Gottes näher zu be- greifen, Mystiker des Islanms dagegen, sogenannte Sufis oder Derkische, erfreuen sich im ein- fachen Volk einer großen Be- liebtheit und den Glauben an die Macht und Weisheit dieser Frauen und Männer kann man geradezu als

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"heidnisch" bezeichnen - allein, die religiösen Machthaber konn- ten sich mit diesen Unbequemen selten anfreunden und verfolgten sie oft (das kommt heutzutage auch noch vor),

Diese Beispiele aus dem Monotheismus zeigen eine inter- essante Gemeinsamkeit; fast alle Systeme laufen darauf hinaus, daß Gott in allen Dingen ist (Pantheismus) oder zumindest eine mystische Verschmelzung des Gläubigen mit ihm möglich er- scheint - keine Spur mehr von der Trennung Gott und Schöpfung und oft verschwindet auch der typisch monotheistische Dogmen- Fetischismus und damit die Into- leranz gegenüber anderen Reli- gionen. Hegen dieser radikalen Wahrheitsliebe sind Mystiker vom starren Klerus wie vom trägen oder aufgehetzten Volk verteu- felt und verfolgt worden - das Wort "Ketzer" selbst leitet sich von einer französischen, gno- stisch-mystischen Sekte ab, die im Mittelalter von der Inquisi- tion ausgelöscht wurde,

Wenn wir eine erste Zusam- menfassung und Schlußfolgerung wagen rollen, dann fällt uns folgendes auf: a) Mystik, Medi- tation, Ekstase, Magie und Kult sind anscheinend in sämtlichen Religionen vorhanden.

b) Diese Phänomene sind offenbar von der jeweiligen Leh- re einer Religion ziemlich unab-

hängig,. denn ihre Techniken und Schemata unterscheiden sich von- einander weit weniger als die Lehren, die sie "offiziell" ver- treten, Ja, es scheint, als ob die durch Meditations- und Ekstasetechniken gemachten Er- fahrungen umgekehrt die Lehre beeinflußen, wie wir es am Bei- spiel monotheistischer Mystiker sahen. So kommt es, daß sich Mystiker der feindlichsten Reli- gionen manchmal gegenseitig hoch achten,

c) Ob also eine Religion in tiefer Versenkung oder im Hö- chentlichen Gottesdienst erfah- ren und gelebt wird, hängt dem- nach nicht so sehr von der Reli- gion selbst ab (auch wenn sie es fördern bzw. hemmen kann, man vergleiche nur einmal die india- nische Naturreligion, in der praktisch jedes Stammesmitglied auf Visions-Suche geht, mit dem Christentum, in dem Visionen ein Vorrecht von Heiligen oder Er- leuchteten ist! «In unserer "aufgeklärten" Gesellschaft ist es nur noch ein Vorrecht von Verrückten...?).

Es ist eher eine Frage der eigenen, menschlichen Grund- haltung, ob man sein Verständnis von seiner eigenen Religion ver- tieft oder sich von einem Prie- ster berieseln läßt - und davor sind auch leider heidnische Re- ligionen nicht sicher.

An dieser Stelle scheint

ein Einschub angebracht. Mir haben uns Phänomene wie Mystik, Ekstase, Magie, Kult, Meditation usw. angesehen, haben sie wie selbstverständlich in einen Topf getan, ohne uns zunächst über ihr Wesen einmal klar zu werden. Natürlich haben Definitionen immer etwas künstliches, reali- tätsfernes an sich und gerade auf diesem Gebiet zeigt die Praxis wohl weit eher die MWahr- heit, als die Theorie dies tut, dennoch sollen an dieser Stelle einige Erläuterungen folgen:

Mystik: Erlangung des Heils in diesem Leben und - zumindest teilneise - aus eigener An- strengung. Das "Heil" wird in den verschiedenen Religionen verschieden benannt.

Ekstase: kommt von griech. ek-stasis ("außer sich sein") und bezeichnet grob den außerge- wöhnlichen Bewußtseinszustand des Ergriffen-Seins, der Ver- zückung, der totalen Begeiste- rung. Verschiedene mystische Lehren kennen ganz verschiedene Wege, sie zu erlangen, von här- tester Askese bis hin zu wilden Orgien. Die Ekstase kann aber auch außerhalb der Religion im Tanz, in der Musik oder im sexu- ellen Höhepunkt erlebt werden,

Meditation (Versenkung): Konzentration auf einen Gegen- stand, ein Symbol, einen heili- gen Laut, eine Person, eine Tätigkeit, ein Naturereignis,

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ein Gefühl, einen Gedanken, die Gedankenleere, eine Körper- haltung usw., oft mit dem Ziel, nach langer, intensiver Praxis im Bewußtsein mit diesem Objekt der Versenkung eins zu werden und so seine tiefere, wahrere Natur zu verstehen,

Esoterik, Okkultismus: Gruppen, Bewegungen oder Lehren, die ursprünglich geheim und nur Eingeweihten zugänglich waren (Esoterik) oder sich mit über- sinnlichen, außergewöhnlichen Phänomenen beschäftigen (Okkul- tismus), was oft miteinander Hand in Hand ging. Gerade aber im Zuge des Esoterischen "Booms" der letzten Jahre (Esoterische Buchläden etc,) kann von einem echten Geheim-Hissen oft keine Rede mehr sein, außer vielleicht insofern, daß sich diese Lehren im Grunde nur in der Praxis und von dem Praktiker begreifen las- sen, weshalb sie einem Außenste- henden gelegentlich etwas selt- sam vorkommen.

Magie: Über Magie und Zau- berei wurden von Ethnologen, Religionswissenschaftlern und Zauberern selbst so viele einan- der nidersprechende Definitionen aufgestellt, daß ich mich hier mit der Behauptung begnügen möchte, Magie müsse zunächst einmal nichts mit geistiger oder seelischer Heiterentwicklung zu tun haben. Sie ist eine Gabe und wer sie hat, kann dumm oder klug

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sein, wer sie nicht hat, kann daran auch nichts ändern. Von indischen Yogis wie von modernen Esoterikern wird allerdings die Auffassung vertreten, daß nit fortschreitender Entwicklung des Menschen sich auch dessen außer- normalen (magischen) Kräfte ent- wickeln und steigern. Auch bein- haltet ja die Kenntnis von "ungeröhnlichen Wegen, sein Ziel zu erreichen" (eine Definition der Magie) eine tiefe Einsicht in Wesen und Zusammenhänge in der Natur. Insofern sieht z.B. der moderne Hexenkult Heisheit (Transzendenz) und Magie (Macht) als zwei untrennbare Seiten einer Medaille an. Magische Orden der Gegenwart konzentrie- ren ebenfalls ihre Aktivität zunächst auf die spirituelle Entwicklung ihrer Mitglieder, die dadurch gleichsam von allein in die Lage kommen sollen, Zau- berei auszuüben.

Kult: Kult ist eigentlich eine Sammelbezeichnung für alle als heilig/heil-voll angesehenen Handlungen (Rituale, Beten, Opfern, Anrufen der Götter, Tan- zen us#.), die den Gläubigen in näheren Kontakt mit der Gottheit bringen sollen. Kult gibt es in allen Religionen, Volksbräuche sind oft ein später Abglanz kultischer Handlungen, Lediglich im Europa (und Amerika) der letzten beiden Jahrhunderte hat sich im Zuge der Aufklärung und

eines nüchternen Protestantismus die Auffassung verbreitet, eine Religion bestehe nur aus weltan- schaulicher Lehre und sozialen Werken. Diese Anschauung wurde von Anfang dieses Jahrhunderts entstehenden neuheidnischen Gruppen unberußt und deswegen kritiklos übernommen.

Schon nach dieser kurzen Übersicht zeigt sich wie von selbst, daß all diese Begriffe, die wir zuvor in einem Atemzug nannten, miteinander zusammen- hängen können, aber keinesfalls müssen. Man kann in einem Kult Magie ausüben, indem man die Götter darum bittet, etwas möge geschehen, man kann den Kult bzw. das Ritual aber auch rein zu Ehren der Götter abhalten, Man kann das Gebet/Ritual mystisch gestalten, wenn es das eigene Ziel ist, dabei mit der Gottheit zu verschmelzen, man kann die Trennlinie Mensch - Gottheit/Naturkraft aber auch benußt aufrechterhalten. Man kann vor oder bei einer kulti- schen Handlung meditieren, um sie tiefer zu er-gründen, man kann sie aber genausogut hie eine vorgeschriebene Regel aus- führen. Diese Liste aus Zusam- menhängen bzw. Un-Zusammenhängen ließe sich beliebig fortführen, uns ist aber jetzt schon klar, daß Verbindungen eine Sache des Betrachters und keineswegs zwin- gend sind. Also interessiert uns

die Frage, warum sich (sonohl für den praktischen Befürworter als auch für dessen Gegner) diese unterschiedlichen Dinge als "eine Soße" präsentieren.

Wir wollen an dieser Stelle nun eine zweite Schlußfolgerung wagen:

Alle diese Bereiche haben mit etwas Unbestimmbaren, Unkon- trollierbarem, Halbbenußten zu tun, reißen aus den gewohnten Schienen des normalen Bewußt- seins heraus und wurden deswegen von der Kirche verfolgt, erfül- len deswegen den Alltagsmenschen mit Unbehagen vor der gähnenden Tiefe seiner eigenen unerforsch- ten Abgründe und der unfaßbaren Weite der wilden Natur, mit der er nicht mehr eins ist. Wegen dieser Unkontrollierbarkeit, diesen schamanischen Ausbruch aus der Norm versuchten die Nazis und ihre Vorläufer die Naturmystik unserer Vorfahren auf die leichte Berauschtheit eines Sonntagsspaziergängers herabzudrücken, strichen sie aus dem Mythenkatalog alle dunklen, weiblichen, magischen, sexuel- len, rausch- und triebhaften Aspekte (oder versuchten es zumindest), bis zwischen Erden- menschen und ewig seligen Göt- tern eine so unübertretbare Grenze lag, Wie es sie zuvor nur im protestantischen Christentum gegeben hatte,

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Diese Angst vor dem Unbe- stimmbaren ist aber heute genau- so gegennärtig wie damals, er- klärt, warum so viele Menschen sich frag-los der heiligen Dreieinigkeit Arbeitsplatz - Kirche - Video-Rekorder hinge- ben, erklärt, warum Menschen selbst in der revolutionärsten Bewegung die Sicherheit vorge- fertigter Denkmuster der eigenen Freiheit vorziehen, erklärt, warum der Außenstehende Versen- kung, Kult, Magie, Mystik und anderes a-normales als eine ein- zige, bedrohlich-exotisch-faszi- nierende, dunkle Gewitterfront sieht,

Seltsamerweise scheint der Mystiker diese Sichtweise seiner eigenen Arbeit oft zu teilen, allerdings aus ganz anderen Gründen: bemüht er sich doch, die Dinge der Welt nicht ge- trennt, sondern miteinander ver- bunden zu sehen, da nach seiner

Auffassung alles ein Teil des großen Ganzen ist und alles mit allem in Beziehung steht, Also erkennt er auch, daß manche Meditationen an Rituale erin- nern, manche Rituale in sich Meditationen tragen, Magie und Religion, Erkenntnissuche und Heilkunde ineinander übergehen us#, Und er erkennt, daß zu aller Erkenntnis Erfahrung ge- hört - praktische Erfahrung.

Michael Frantz

Anmerkungen;

(*1) Siehe HAIN 1, "Odin als Schamane" ($, 73ff.)..

(*2) 1886 wurde dem engli- schen Anthropologen Charles God- frey Leland von der toskanischen Hexe Maddalena Hissen und Reli- gion ihres Kreises übermittelt. Er veröffentlichte 1899 sein bekanntestes Buch "Aradia - or the Gospel of the Hitches",

Natur und Meditation

Ein Wald. Ein Weg. Du folgst ihm. Du hörst die Vögel, das Rascheln im Unterholz, das Ächzen der Bäume, spürst wie sie den Wind, spürst den festen Boden unter deinen Füßen. Deine Umwelt ist voller Leben, ist aus Leben, ist das Leben selbst und du schwimmst in diesem Leben wie ein Lachs in einem klaren Bach oder eine Qualle im unauslotba- ren Blau des Meeres,

In solchen Momenten bist du eins mit der Welt. Manchmal hält sich ein solches Gefühl nur für Sekunden in dir, manchmal sehr viel länger, Oft steigt es spon- tan in dir auf (deine Bereit- schaft dazu wuchs in dir, ohne daß du es bemerktest), gelegent- lich kannst du es sogar rufen, Du genießt es, solange es da ist, doch daß es da war, weißt du erst hinterher. Solange du eins bist, gibt es keinen ande- ren Gedanken und keine prüfende Selbstbetrachtung. Henn es dich wieder verläßt, kannst du tiefe Zufriedenheit fühlen oder auch Traurigkeit darüber, daß es vor- bei geht, oder einfach das His- sen, daß Handel das Gesetz und der innere Sinn allen Da-Seien- den ist.

Es gibt eine Stelle, da setzt du dich auf die Erde, Es mag ein Platz sein, den du als

Kraftort kennst, oder ein Ort, an dem du dich einfach nohl- fühlst. Das spielt keine Rolle,

Vielleicht spürst du immer noch dieses Eins-Sein, diesen Frieden, diese Kraft in dir. Oder ist sie außerhalb von dir, in diesen Bäumen, in der Erde hier? Kannst du die Kraft außer- halb der Natur, beim Busfahren, beim Arbeiten, beim Essen, beim Schlafen, beim Kacken (*1) spü- ren?

Warum gehst du in den Wald?

Oder aber: Was gibt dir Kraft und wie zeigt sie sich dir? Warum suchst du die Kraft?

Oder auch: Harum verehrst du die Götter, bzw. marum tust du es nicht?

Ganz gleich, wie du dir solche Fragen beantwortest, oder ob du sie samt und sonders für Unsinn hältst, ich möchte dir einige Übungen vorstellen, mit

denen du die Kraft wecken kannst. Ich glaube, daß die Kraft, die Götter und die Natur miteinander verbunden, viel- leicht sogar eins sind. Also sind die Übungen Meditationen (*2) über die/mit der Natur.

Es gibt Menschen,‘ die machen solche Übungen jeden Tag, ja sogar mehrmals am Tag, andere führen sie nur jede Hoche aus, Einige konzentrieren sich voll- kommen auf eine Übung für eine lange Zeit, andere bevorzugen es, einander ähnelnde Übungen sich abwechseln zu lassen, Manche glauben, die Kraft ent- stehe während des Übens, andere dagegen meinen, die Übungen schaffen nur die Bereitschaft, die Kraft durch sich hindurch fließen zu lassen, die ohnehin schon immer da war. Und einige halten das Üben generell für überflüssig: die Kraft kommt von allein, wenn man/frau dazu be- reit ist,

Es gibt kein Rezept, nur den Hillen voranzukommen und die Bereitschaft, seinen eigenen Weg heraus-zu-finden, Verantwortung trägt jeder selbst, denn jeder trägt auch die Folgen selbst,

Nur in einem sind sich anscheinend alle einig: daß der Weg lang ist - vielleicht sogar ein Leben oder länger,

Fast jede Meditation be- ginnt zunächst mit einer Ent- spannung (*3). Das dient dazu,

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die Gedanken des Alltags abzu- schütteln und den Geist freizu- machen für die Meditation. Es ist also eine Reinigung. Ent- spannung kann aber genausogut Selbstzweck sein und an sich bereits Raum in uns für die Kraft schaffen.

Entspannung geht im Liegen am besten. Wir können uns aber auch im Sitzen oder Stehen ent- spannen. Nach Möglichkeit suchen wir uns einen stillen Platz, der nicht zu warm und nicht zu kalt, nicht zu hell und nicht zu dunkel ist (*4),

Wir schließen die Augen, Wir lenken unsere Aufmerksamkeit von den Gedanken des Alltags weg und versuchen, nur auf unsere Entspannung zu achten, Hir las- sen unseren Körper schlaff wer- den, Jeder Hiderstand gibt nach, Unsere Füße sind locker (wir können nacheinander jeden ein- zelnen Zeh entspannen). Unsere Waden sind weich und locker.., Unsere Knie sind locker... Unsere Schenkel weich und lok-

ker... Der Unterleib weich und locker... Das Gesäß weich und locker... Die Bauchmuskeln

lassen los,.. sind weich und locker... Die Bauchdecke hebt und senkt sich... Der Atem strönt ein und aus... ganz von selbst... Alles geschieht ganz von selbst... Der Rücken ist weich und locker... Die Brustmuskeln sind ganz weich und

locker... Die Schultern fallen herab... sind frei und locker... Die Hände lassen los (gehe nach- einander die einzelnen Finger durch)... Die Unterarme sind weich und locker... Die Ellen- bögen sind locker... Die Ober- arme weich und locker... Der Nacken... ganz locker... Der Hals... weich und locker... Das Gesicht... losgelassen,.. weich und locker (gehe nacheinander Kiefer, Wangen, Schläfen und Augenlider durch)... Die Stirn... kühl und entspannt... Die Kopfhaut... losgelassen... locker... Das Gehirn... eine weiche Masse...

(Gehe jetzt deinen gesamten Körper noch einmal durch. Achte darauf, welche Stellen noch nicht entspannt sind, Versuche, sie loszulassen, Wenn das nicht gelingt, spanne sie mit dem Einatmen einmal kräftig, aber ruhig an und laß sie mit dem Ausatmen los - etwa hie man eine Faust ballt und dann fallen läßt.)

...Der ganze Körper ist entspannt... Mein Geist ist ent- spannt... Ich lasse alle Gedan- ken los... Ich lasse alles fallen... Mein Geist ist voll- kommen frei... Gedanken, die auftauchen, interessieren mich nicht... Ich lasse sie vorüber- gleiten (Versuche nicht, stören- de Gedanken - oft Problene, Ängste, Termine und scheinbar

wichtige Einzelheiten des All- tags - zu unterdrücken. Dadurch konzentrierst du dich nur noch stärker auf sie. Versuch statt- dessen, sie dir einfach egal sein zu lassen. Sie mögen außer- halb der Meditation Bedeutung haben, aber im Moment ist die Entspannung viel wichtiger und interessanter.) ...Ich bin voll- kommen entspannt... vollkommen entspannt... entspannt...

(Laß dir Zeit für diesen Zustand. Bleibe in ihm, so lange du möchtest, Am Anfang mag es sehr lange dauern, bis du diesen Zustand erreichst, und es klappt auch nicht immer <es klappt wohl bei niemandem immer’. Später geht es meist recht